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"Unsere Erwartungen wurden übertroffen" - 1 Jahr OptiPrax

Bilanz nach einem Jahr - Neue Erzieherausbildung überzeugt

Erzieher (m/w)  gesucht! Stellenanzeigen für Fachpersonal in Kitas häufen sich in Zeitungen und Online-Stellenportalen.
Der Fachkräftemangel macht auch vor Kindertageseinrichtungen nicht Halt. Seit August 2013 gilt der Rechtsanspruch auf frühkindliche Förderung in einer Tageseinrichtung oder in der Kindertagespflege bereits ab dem vollendeten ersten Lebensjahr. Dieser Anspruch bedeutet, dass mehr Kitas und damit mehr Personal benötigt werden. Abhilfe für den Fachkräftemangel soll in Bayern ein Modellversuch mit  drei neuen Varianten der Erzieherausbildung schaffen, der seit 2016 in die Praxis umgesetzt wird.  Die Ausbildungen werden vom ersten Tag an vergütet und sollen weiteren Bewerbergruppen wie Männern, Abiturienten oder Quereinsteigern den Zugang zum  Erzieherberuf ermöglichen.


Die Fachakademie für Sozialpädagogik der AWO in München und Oberbayern hat sich mit Start des  Schuljahres 2016 für die sogenannte Erzieherausbildung mit optimierten Praxisphasen – kurz OptiPrax – entschieden und  zieht nun nach einem Jahr das erste Resümee.

„Für uns war sofort klar, dass wir uns an dem Modellversuch OptiPrax beteiligen möchten“, berichtet Julia Sterzer, Leiterin des Referats Kindertagesbetreuung der AWO München Stadt. Gemeinsam mit der Fachakademie in Aubing, die von der AWO München Stadt, dem Bezirksverband der AWO Oberbayern und der Hans-Weinberger-Akademie betrieben wird, fiel die Entscheidung auf die 4jährige Variante. Die AWO habe schon lange eine Verkürzung der Ausbildung gefordert, um auch andere Personengruppen anzusprechen. „Wir haben diese gewählt, weil hier auch Schüler mit mittlerem Schulabschluss Zugang haben. Wir wollten unsere Ausbildung nicht nur Abiturienten öffnen, wie es etwa in der 3jährigen Variante der Fall ist, “ so Christine Baudrexl vom AWO-Bezirksverband Oberbayern. Mit Rückblick auf ein Jahr OptiPrax kann die Fachabteilungsleitung für Kindertageseinrichtungen eine sehr positive Bilanz ziehen. Die Erwartungen seien nicht nur erreicht, sondern übertroffen worden. „Wir können unsere Werte vermitteln, erhöhen die Vielfalt in den Gruppen und begleiten den Entwicklungsprozess der Auszubildenden“, erklärt Baudrexl.

Für David Schramm war die verkürzte Ausbildung ein Segen. Der 30jährige ehemalige Jurastudent haderte einige Semester lang mit seiner Entscheidung und fand dann nach einigen Praktika in sozialen Einrichtungen seine Bestimmung. Mit Kindern und Jugendlichen wollte er arbeiten. Aber das Studium hatte die Reserven aufgebraucht, ein zweites Studium konnte er nicht mehr finanzieren. Über Umwege erfuhr er dann von der Möglichkeit der vergüteten Ausbildung und machte sich im Internet auf die Suche nach Fachakademien, die diese anboten. Einige Vorstellungsgespräche später fiel die Entscheidung. „Die Akademie in Aubing hat mich mit ihrem Konzept und der Atmosphäre, die dort herrscht, von Beginn an überzeugt“, erinnert sich Schramm. Auch bei der Wahl einer  Kitaeinrichtung ließ er sich Zeit, um sich zu entscheiden. Heute macht er seine Ausbildung bei  Kindertagesstätte Campeon, die Plätze für die Kinder von Mitarbeitern von Infineon Technologie München anbietet und von der AWO München Stadt betrieben wird. „Wir haben hier einen hohen Anspruch, den möchten wir auch an unsere Auszubildenden weitergeben“, berichtet Christl Eiler, seit 15 Jahren Einrichtungsleitung in der Kita. „Wir haben täglich 10 Stunden geöffnet, eine multikulturelle Belegschaft und Kinder aus über 30 Nationen. Da muss das Konzept und das Team stimmen“, so Eiler. Um den Fachkräftemangel zu beheben, müssen sich auch die Einrichtungen stärker einbringen. Wer nicht ausbilde, brauche sich nicht zu wundern, wenn dann kein Personal zu finden sei. Deshalb habe sie sich von Anfang an für die verkürzte Ausbildung eingesetzt. Gerade die Bindung der Azubis an die Einrichtung sei intensiver als bei der klassischen Ausbildung über fünf Jahre, bei der die Studierenden erst im letzten Jahr in die Einrichtung kämen. David Schramm ist begeistert von seiner Ausbildung. „Auch wenn ich die Wahl gehabt hätte, ich hätte mich für die verkürzte Ausbildung entschieden. Ich fühle mich als Teil der Teams und kann ganz schnell die Theorie mit meiner Praxisanleiterin  in der Praxis beleuchten. So lerne ich unglaublich schnell und nachhaltig“, resümiert Schramm.

„Wenn wir die Strukturen unserer OptiPrax Klassen ansehen, haben wir das Ziel erreicht, neuen Zielgruppen die Ausbildung zu öffnen“, berichtet Ulrich Konrad, Schulleiter der Aubinger Fachakademie. Immer mehr Männer und Quereinsteiger interessieren sich für die Ausbildung, viele bereits mit Berufserfahrung in einem anderen Arbeitsfeld. „Diese Vielfalt bereichert auch die Arbeit in unseren Kitas“, bekräftigt Christine Baudrexl.

Der Andrang ist ungebrochen. Trotzdem halten alle Beteiligten die klassische Ausbildung nach wie vor für wichtig. Gerade junge Schulabgänger brauchen für den Beruf des Erziehers noch Zeit für einen Reifungsprozess, der in der herkömmlichen Ausbildung mit der vorgelagerten Kinderpflegerausbildung gegeben ist.  Zudem haben die jungen Menschen nach zwei Jahren bereits einen beruflichen Abschluss, diese Möglichkeit besteht bei den verkürzten Ausbildungswegen nicht.

Noch ist OptiPrax in der Erprobung und die Projektverantwortlichen hoffen, noch an einigen Stellschrauben drehen zu können. Die Abstimmung zwischen theoretischer und praktischer Ausbildung könne noch verfeinert werden, „aber mit Rückblick auf das 1. Ausbildungsjahr gibt es erstaunlich wenig Verbesserungspotential“, berichtet Julia Sterzer. Zugute kommt das Projekt letztendlich den Familien und Kindern, wenn in einigen Jahren mehr kompetentes Fachpersonal zur Verfügung steht.

Bildunterschrift:
Vinzenz genießt die Aufmerksamkeit von Einrichtungsleitung Christl Eiler und Azubi David Schramm. Hilfe auf der Rutsche braucht er keine mehr. Das geht schon perfekt alleine.